Interview mit Iwan Bischof, Textilfachschule STF

Unsere «Kuratorinnen und Kuratoren» sind Persönlichkeiten, die wir besonders interessant finden und die sich für Nachhaltiges Wirtschaften engagieren. Wir diskutieren mit ihnen über ihre Projekte, ihre Ansätze und Ideen, wie sich Faircustomer als Marktplatz weiter entwickeln kann. Die Kuratoren-Gespräche sollen Menschen mit ähnlichen Werten aus unterschiedlichsten Richtungen/Bereichen verbinden. Auf diese Weise wollen wir unseren Leserinnen und Lesern ein lebendiges, umfassenderes Bild für nachhaltige Entwicklung, Design und Wirtschaft vermitteln.

Iwan Bischof ist ausgebildeter Textiltechniker im Fachbereich Veredlung und hat durch viele Jahre im internationalen Sales-Bereich Erfahrungen gesammelt, die er gerne an Studierende weitergibt. Zudem hat er bei seinen Reisen grosses Interesse an fremden Kulturen und Küchen entwickelt und kocht aus diesem Grund leidenschaftlich gern. Laut eigener Aussage ist er im Hinblick auf seine Kleidung eher auf den Gemütlichkeitsfaktor bedacht und in Sachen Fashion eher kein Tragebeispiel.

Iwan, erst einmal vielen Dank, dass du bei unserem Projekt mitmachst. Es ist eine Ehre für uns, Menschen mit deiner Expertise und Erfahrung (sowohl beruflich als auch persönlich) zu Gast zu haben.

Fangen wir also damit an, ein wenig über Sie zu erfahren. Über ihren Werdegang..

Erzählen Sie uns ein wenig von sich… Woher kommt «die Begeisterung» für das Thema Nachhaltigkeit & Textilien? Die Schülerinnen und Schülern der STF finden Ihren Unterricht besonders inspirierend.

Die Begeisterung für das Thema Textil wurde mir praktisch in die Wiege gelegt. Mein Vater war über 30 Jahre bei der Firma Heberlein in Wattwil als Färber tätig. Schon als Schüler habe ich in den Ferien immer wieder in der Heberlein gearbeitet und dadurch das Metier kennengelernt. Ich habe jedoch zuerst eine Lehre als Bauzeichner gemacht und mit 22 dann eine Zweitlehre als Textilveredler in der Heberlein absolvieren dürfen. Das anschliessende Studium an der Schweizerischen Textilfachschule STF in Wattwil hat mir dann das Rüstzeug für meine weiteren Schritte in der Industrie mitgegeben.

Grundsätzlich finde ich das Thema Textil in all seinen Facetten ein unheimlich spannendes Feld. Man trägt das Textil nah an sich, es beschützt uns vor Wind und Wetter, es kann ein Symbol unserer sozialen und kulturellen Zugehörigkeit sein. Jedoch sind Textilien nicht nur in der Bekleidungsindustrie relevant, sondern auch in anderen Industrien wie in der Luft- und Raumfahrt, Landwirtschaft, Medizin und Bau – dies nur um einige Beispiele zu nennen. Diese Vielfalt begeistert mich persönlich und diese Begeisterung versuche ich auch den Lehrlingen und Studenten weiterzugeben.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für Nachhaltigkeit engagieren? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

Nach meinem Studium und bevor ich als Dozent an der STF tätig wurde, war ich im internationalen Sales tätig. Ich war in Firmen tätig, die Farbstoffe und Hilfsmittel zur Herstellung von Textilien produzieren. Im Rahmen dieser Tätigkeit durfte ich enorm viele Länder bereisen und entdecken. Ich habe schon früh immer wieder wahrgenommen, wie schmutzig unsere Industrie ist, aber wenn man es dann erstmal vor Ort sieht, spürt und riecht, verändert dies die eigene Wahrnehmung enorm. Wenn man eigene Kinder hat und dann sieht, wie andere Kinder in den Produktionsländern in schäumenden und farbigen Flüssen baden, beginnt man zu fragen, was man selbst dafür tun kann, um die Situation zu verbessern.

Wie muss man sich ihren Arbeitsalltag vorstellen? Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten 10 Jahren verändert?

Nun ja, ich bin erst seit 5 Jahren bei der STF als Dozent tätig, aber schon in diesen 5 Jahren hat das Thema „Nachhaltigkeit“ eine enorme Präsenz in der Industrie und gleichzeitig im Unterricht eingenommen. Früher lag der Fokus auf „wie und womit produziere ich es“, heute wird der Fokus auf „wie und womit produziere ich es möglichst ökologisch und nachhaltig“ gelegt.

Gibt es «lessons learned» die sie jungen Textilfachleuten auf den Weg geben möchten?

Ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit aus alten textilen Gurten ein Wasserrückhaltevlies entwickelt, welches nach ersten Versuchen bis zu 800‘000 Liter Trinkwasser pro Saison und Hektare in der Landwirtschaft einsparen kann. Das ernüchternde dabei war und ist, dass das lebenswichtige Gut „Wasser“ so günstig ist, dass es sich wirtschaftlich nicht lohnt, ein solches Vlies einzusetzen. Die wichtigste Erkenntnis ist aber, und das möchte ich grundsätzlich mitgeben, es war ein Projekt, welches völlig „out-of-the-Box“ war und dieses vernetzte Querdenken will ich den jungen Textilfachleuten mitgeben. Aus Altkleidern müssen nicht zwingend wieder Kleider werden, sondern es kann auch ein Abdeckvlies für Erdbeeren werden – als Gedankenspiel.

Das Interview mit Iwan Bischof wurde von Danae Karamousli geführt, die an der STF Textilwirtschaft / Textile Business Management studiert

Das Interview mit Iwan Bischof wurde von Danae Karamousli geführt, die im Faircustomer Team arbeitet und berufsbegleitend an der STF Textilwirtschaft / Textile Business Management studiert.

Wie haben Sie die Bedeutung von Nachhaltigkeit im Unternehmen, im Markt erlebt? Welche Tools, Richtlinien, Methoden, Indikatoren finden Sie besonders wichtig oder nützlich?

Das Thema Nachhaltigkeit ist im textilen Sektor ein äusserst wichtiger Faktor geworden. Dies hängt damit zusammen, dass der Endkunde die Nachhaltigkeit als Wichtig betrachtet, mit Nachhaltigkeit Marketing betrieben werden kann und der Kunde die globalen Zusammenhänge betreffend Umwelt immer besser versteht. Der Kunde versteht mittlerweile, dass wir in der Schweiz keine saubere kleine Insel bleiben werden, wenn wir nicht auch dafür Sorge tragen, dass in den produzierenden Ländern ebenfalls die Standards der Nachhaltigkeit Einzug halten. Wichtige Richtlinien finde ich hierbei die SDG’s der UNO aber auch die Werte und Richtlinien der diversen Ökolabels.

Was ist Ihrer Meinung wichtig für den Erfolg von Nachhaltigkeitsprojekten? Gibt es gelungene Projekte aus denen wir und die Textilbranche lernen kann?

Für den Erfolg von Nachhaltigkeitsprojekten finde ich wichtig, dass alle Stakeholder hinter den Projekten stehen und diese auch verstehen. Was will man erreichen? Was für eine Wirkung soll damit erzielt werden? Was für Konsequenzen hat das Projekt und was sind die Konsequenzen, wenn wir dieses Projekt nicht umsetzen? Resultiert ein ökonomischer Benefit? Die Kommunikation spielt bei Projekten eine sehr wichtige Rolle, und zwar soll so kommuniziert werden, dass auch alle Stakeholder die „Sprache“ auch verstehen. Ein grosses Übel sind die enorm hohen Mengen an nicht verkauften Textilien die ungebraucht entsorgt werden, um Platz für neue Kollektionen zu schaffen. Man verschwendet Ressourcen in der Herstellung und Produktion, aber es werden auch ökonomische Ressourcen verschwendet. Wenn wir nun in den Stores, anstatt von jedem Kleidungsstück 8 Grössen und dann von jeder Grösse noch je 5 Stücke präsent haben müssen, hingehen und in Richtung „Tailor-Made“ gehen, könnte hinsichtlich der Ressourcen enorm viel eingespart werden und der riesige Abfallberg an Alttextilien könnte reduziert werden.

Wie erleben Sie die Entwicklung des Textilmarkts in Bezug auf Nachhaltigkeit? Wie wird er in 2050 aussehen? Wie können sich junge Textilfachleute darauf vorbereiten?

Die Nachhaltigkeit wird weiterhin sehr präsent bleiben. Die Zusammenarbeit aller Stakeholder in der Textilindustrie wird meiner Meinung nach weiter ausgebaut und es wird weiterhin intensiv an Nachhaltigen Lösungen geforscht. Es muss jedoch auch darauf hingewiesen werden, dass die nachhaltige Entwicklung des Textilmarktes auch intensiv vom Kaufverhalten des Endkonsumenten abhängt. Der monetäre Wert und auch die emotionelle Wertschätzung des Textils ist heute viel zu gering. Nachhaltige Textilien müssen nicht unbedingt teuer sein, aber man kann sich bei einer Jeans für 5 Franken schon auch mal Gedanken dazu machen, wie Nachhaltig der Artikel ist.

Was sind Ihre Wünsche an Faircustomer? Haben Sie Favoriten? Gibt es Produkte oder Labels, die noch fehlen? 

Ich finde den Ansatz «Cradle-to-Cradle» enorm spannend. Hier soll nichts verwendet werden, was nicht im Anschluss wieder als Rohstoff eingesetzt werden kann. Hierbei möchte ich gerne die Firma «OceanSafe» erwähnen. Zudem spannend finde ich den Ansatz der Firma «Wollsein». Diese Firma verarbeitet Wolle von einheimischen Schafen zu funktioneller Bekleidung. In Bezug auf die Herstellung finde ich zudem Produkte der Firma «Lenzing» spannend. Die Firma «Lenzing» stellt Fasern aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz her, verarbeitet aber auch Abfallfasern und Alttextilien aus Baumwolle so, dass wieder neue Fasern entstehen. [Anmerkung: Dieses Kleid von xquisit Design ist zum Beispiel aus Tencell der Firma Lenzing hergestellt.]

«Ich find den Grill echt spannend und ich als alter Grilleur finde solche glänzenden Spielzeuge eh genial »

Wie können wir die Werte “✓fair ✓sozial ✓bio ✓eco” besser sichtbar machen? Was braucht es Ihrer Meinung für ein gelungenes Storytelling?

Das Storytelling soll meiner Meinung nach:

  • Einfach zugänglich sein
  • Einfach zu verstehen sein
  • Kurz und knackig sein

Jeder soll innerhalb weniger Minuten die Übersicht erhalten, was unter fair, sozial, bio, eco etc. verstanden wird und am besten gleich am Textil. Sei es über Piktogramme oder über einen QR-Code – als Beispiel.

Faircustomer ist manchmal auch ein Lernort und ein Ort der Innovationen. Was braucht es Ihrer Meinung, damit wir z.B. Absolventen der STF und andere junge Textillabels unterstützen können?

Wichtig für den Studenten ist zu verstehen, dass die Nachhaltigkeit ein Gebilde ist, welches auf 3 Säulen steht – der ökologischen, der ökonomischen und der sozialen und fairen Säule. Es ist auch wichtig, dass die Studenten verstehen, dass nicht alle Produkte, die nachhaltig erscheinen, auch tatsächlich nachhaltig sind. Nicht alle natürlichen Produkte sind nachhaltige wie synthetisch hergestellte Produkte – hier eine Klarheit zu erhalten und Beispiele zu kennen, dabei könnte uns Faircustomer helfen.

«Die Firma Wollsein ist ein schönes Beispiel eines Startups von einem STF-Studenten »

Haben Sie Wünsche an die «Faircustomers», unsere Kundinnen und Kunden?

«Das Textil hat einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Es wäre wünschenswert, wenn der Wert eines Textils wieder mehr geschätzt wird.»

 

Schau bei den weiteren Favoriten von Iwan rein:

 

 

Eine Idee zu “Interview mit Iwan Bischof, Textilfachschule STF

  1. Beni Bischof sagt:

    Hallo Iwan, mein Sohn, was Du schaffst und auch geschafft hast, macht mich schon auch stolz! Ich hatte auch Freude an meinem Beruf als Färber! Ich gratuliere Dir herzlich, dass Du auch mit Leib und Seele Textiler geworden bist! LG Dein stolzer Papi

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